Exodus 44: Familien in der Zukunft essen Soylent Green?! 

Das wunderschöne Cover der Exodus 44 glänzt mit einem ätherisch grünblauen Bild von Thomas Thiemeyer - das Bild strahlt eine unsagbare Ruhe aus, dazu mache ich mir gleich Picard-Style eine gemütliche Tasse Tee.

Das Editorial erinnert mich daran, warum das Exodus Magazin mir so sympathisch ist. Zwei Punkte bringt das Herausgeberteam meiner Meinung nach gut auf den Punkt.

Erstens: Die totgesagte Short Fiction lebt! In Deutschland! Jede Menge wird publiziert. Offenbar steigt sogar die Zahl der Anthologien und Magazine.

Zweitens: Es gibt mehr Schreibende als Lesende - Kaufende - also zahlende Abonnent*innen.

Das, finde ich, kann auch positiv gelesen werden: Die Short-Fiction-Szene ist eben vornehmlich ein Ort für Macher*innen ;)

Soylent Green Werbung

Diese funny Werbung hat mich erst stutzig gemacht, dann habe ich sie mir genauer angeschaut und mich gefragt, wer hat das gestaltet? Hinweise dazu habe ich keine gefunden! Wer weiß es? Bitte so was ab jetzt in jedem Heft :))

Der Wind der neuen Zeit von Barbara Ostrop

Humorvoll, leichtfüßig, Near Future - es geht um ein Ehepaar: die Frau ist Influencerin, die ihren Ehemann influenct.

Ausdrücke wie »Vintage-Zeit« oder »macht Laune« haben mich anfangs etwas gestört.

Die Story ist aber so unterhaltsam und gut geschrieben, dass ich das schnell wieder vergesse. Die Illustration von Gerd Frey hat für mich daher auch weniger den Klimawürfel dargestellt, als vielmehr den Strudel symbolisiert, der mich in diese kurzweilige Erzählung gezogen hat.

Ehemann und Geliebte sind teilweise in sehr enge Klischee-Korsetts gezwängt, aber Tempo und Lightness haben das für mich wieder ausgebügelt.

Irgendwie komisch tragisch und angenehm skurril. Das Ende ist einfach nur mega nice.

Jetzt bin ich hungrig nach mehr und lese gleich weiter im Heft...

Beetles von Norbert Stöbe

Eine weitere Near Future Story - dieses Mal geht es um Kinder und ihr Spielzeug, sogenannte Beetles. Gut geschrieben nimmt die Story mich gleich mit. Von Anfang an wird angedeutet, dass die Beetles nicht so harmlos sind, wie sie scheinen. Die Story hält die Spannung, den Schluss hätte ich mir anders gewünscht.

Hier gefällt mir einiges sehr gut: wie nah die Story an der Gegenwart bleibt und z.B. den Chaos Computer Club nennt. Auch der Schwenker vom Fokus auf eine einzige Familie zum Blick aufs Weltgeschehen und wieder zurück, finde ich sehr gelungen!

Die Illustration von Frauke Berger schmiegt sich für mich perfekt in das Story-Erlebnis ‒ es werden immer mehr Käfer!

Auf Sendung von Thomas Kolbe

Das Setting ist eine Radioshow für den gesamten Raumsektor ‒ wir verlassen also die heimische Atmosphäre. Für mich eine überdrehte Satire, in der Menschen sich Dinge kaufen wie Planeten oder Raumyachten. Sobald sie mit den erworbenen Gütern nicht zurechtzukommen, rufen sie in einer live-Radiosendung an und fragen nach Rat. Anfangs amüsant, aber irgendwann fehlt mir der Sinn dahinter.

Die in der Story vorkommenden Figuren sind so privilegiert und unreflektiert, dass sie mich nach einiger Zeit langweilen. Da die Story gutgeschrieben ist, lese ich sie trotzdem sehr gern. Gerd Freys Illustration finde ich ziemlich spannend, auch wenn sie für mich nicht unbedingt den überdrehten Vibe der Story wiedergibt.

Flucht aus dem Fluidum von Hans Jürgen Kugler

Auch diese Story spielt nicht mehr auf der Erde, sondern beginnt wie eine komplizierte Start Trek Folge. An einer Stelle ruft jemand sogar: »Energie!«. Darauf trinke ich einen Schluck Earl Grey. Das ist alles sehr angenehm und irgendwie nostalgisch. Aber worauf läuft es hinaus? Die Pointe ist wie eine abrupte Landung auf der Erde. Also eine Art SciFi-Joke?

Das passt irgendwie sehr gut zur vorherigen Story - beide verschreiben sich an erster Stelle dem Humor, erst an zweiter Stelle der Science Fiction.

Auch diese Story ist gutgeschrieben und angenehm zu lesen!

Die Illustrationen von Jan Hoffmann passen gut dazu, verraten auch nicht zu viel... 

Nach zwei Near Future und zwei humorvollen Storys bin ich gespannt, wie es weiter geht!

Perfect Match von Christoph Grimm

Beängstigende Apps ‒ wird das lustig oder doch noch ernst? Es beginnt jedenfalls mit Polizeiarbeit und Datendiebstahl. Die Story überzeugt mit einigen schönen Wendungen und sympathischen Figuren. Sie wird durch Dialoge erzählt, was sie dynamisch und gut zu lesen macht. Den Vibe empfinde ich als cosy (crime story à la Christie): many twists but no horror ‒ sehr angenehm! Die Wendungen und besonders das Ende haben mir sehr gut gefallen.

Die Illustration von Mario Franke beeindruckt mich schon allein durch ihre Technik. Obendrein bringt sie den Kern der Story auf den Punkt, ohne zu spoilern.

Als nächste kommt meine Story: 

Die Grenze der Welt

Ebenfalls eine Near Future Story aber mit Bezug zum Mond. Die Illustration von Jörg Martin gefällt mir sehr gut, weil sie eine ‒fast schon klaustrophobische! ‒ Nähe herstellt. Das, finde ich, passt zum Thema meiner Story.

Über die eigene Story kann ich unmöglich schreiben. Stattdessen möchte ich auf eine andere Story verweisen:

Die Sehnsucht in einem Raumanzug vollkommen autark zu leben, lässt mich nicht mehr los, seit ich die faszinierende Short Story The Remoras von Robert Reed gelesen habe (in Big Book of Science Fiction, Ann & Jeff VanderMeer, Hrsg.). Remoras sind Menschen, die in ihren Raumanzügen leben, sie nie ausziehen. Sie reparieren die Außenseiten von Raumschiffen ‒ eine sehr gefährliche Arbeit. Dabei werden sie die ganze Zeit mit Strahlung bombardiert. Statt sich vor der Strahlung aber zu fürchten, nutzen sie sie für körperliche Mutationen (»smart cancer«). Ich stelle mir vor, dass meine Protagonistin Kat, hätte sie The Remoras gelesen, sich mit ihnen identifiziert hätte, vielleicht sogar davon überzeugt wäre sie auf einer tieferen Ebene zu verstehen. 

Marys Zimmer von Ulf Fildebrandt

Yep, wir haben die Erde und das Near Future jetzt endgültig verlassen! Das Setting dieser Story ist eine sehr interessante Raumstation. Das Tempo ist eher langsam, beschreibend. Der Autor hat hier eine ganz neue Welt aufgebaut. Mir gefällt, dass Aliens nicht bloß durch ihr Aussehen, sondern auch durch ihre Kultur dargestellt werden. Was mir nicht so gefällt, ist die Vorstellung, dass Menschen als eine so besondere Spezies verstanden werden. Der Protagonist wird als einziger Mensch unter zig anderen Bewerbern ausgewählt, später heißt es noch, Menschen seien eine »sehr seltene Spezies«. Aliens werden dagegen mit Tiervergleichen beschrieben wie »humanoide Katzen«. Diese eingebauten Hierarchien und der implizite Exotismus stören mich ein wenig. Was, mir dagegen sehr gut gefällt, ist wie der Autor eine unbekannte Welt für mich lebendig macht. Ebenfalls sehr gut gefallen haben mir die Gedanken(experimente) zum Thema Sinneswahrnehmung.

Die Illustration von Detlev Klewer finde ich gelungen, aber ein einziges Bild hat es echt schwer gegen die vielen lebendigen Beschreibungen des Textes anzukommen.

Talion von Roland Grohs

Die Story wirkt auf mich wie ein Fragment, ein Schlaglicht auf eine zukünftige Gesellschaft, bei der das Prinzip Zahn um Zahn wortwörtlich umgesetzt wird. Daraus entwickelt der Text jedoch keine Ideen. Worte wie »Mischling« und »Retardienten« finde ich problematisch, weil ihnen einiger Ballast (Rassismus, Ableismus) anhaftet, ein Bewusstsein dafür im Text aber nicht durchscheint, wodurch sie für mich im besten Fall unüberlegt rüberkommen.

Die Illustration von Nicole Erxleben wird bei dieser Story plötzlich ganz wichtig, weil ich dort nach den Antworten suche, die ich in der Story nicht finde. Das Bild wirkt auf mich wie ein abgeschnittenes Comic: alles davor und danach fehlt. Als einzelnes Bild macht ein Comic aber meist keinen Sinn ‒ das spiegelt ganz gut mein Leseerlebnis wider.

Ich glaube am meisten stört mich an der Story, dass ich das Gefühl habe, der Autor hat sich keine Gedanken zum Thema gemacht und konnte deshalb auch keine eigene Haltung dazu entwickeln. Zumindest kann ich aus dem Text nichts mitnehmen.

Zwei Storys, die ebenfalls das Thema Brutalität des gesellschaftlichen Systems behandeln, und die ich nie vergessen werde, trotzdem immer wieder lesen möchte, auch um zu verstehen, warum sie so genial sind:

The Shawl von Cynthia Ozick

The Lottery von Shirley Jackson

Die Story The Shawl habe ich nach Talion gleich noch mal gelesen, auch um mir klar zu werden, was mich an Talion so gestört hat.

Das Herausgeber-Team hat in weiser Voraussicht, dass ich nach Talion erstmal eine Pause brauche, die Galerie mit den »Wunderbaren Welten von Thomas Thiemeyer« hinter die Story gesetzt. Die Bilder sind unglaublich! Pure seelische Entspannung!

Auf in die zweite Hälfte des Hefts:

42 Milliarden Jahre von Peter Schattschneider

Der Anfang gefällt mir zuerst nicht so gut. Das ist einfach zu nah an Kafka. Aber am Ende macht das Sinn und da habe ich den Anfang dann auch gleich noch mal gelesen.

Die Story ist ein Gedankenexperiment, bei dem die Idee im Mittelpunkt steht ‒ sehr gut! Ich mag brainy SciFi.

Die Figuren bleiben leider stereotyp. Der Bösewicht ist religiös und unwissenschaftlich und sexistisch ‒ ist das nicht too much? Auch das autistische Genie ist mir zu klischeehaft. Bei den Figuren hätte ich mir insgesamt weniger schwarz-weiß, dafür mehr Komplexität und Graubereiche gewünscht ‒ das braucht nicht mehr Platz im Text, nur mehr Gedanken dazu.

Gut gefällt mir der realweltliche Bezug zu Mathematik und Physik. Die Fußnoten empfinde ich als unnötig, da sie alle auf Wikipedia verweisen (die Seite finde ich auch allein, um mich zu überzeugen, dass die in der Story genannten Theorien real existieren). Wahrscheinlich soll das der Story mehr Science geben, aber sie bleibt natürlich Fiction. Genauso wie Verschwörungstheorien auch keine Theorien sind, nur weil sie sich so nennen.

Das Ende und sein Bezug zum Anfang finde ich sehr gelungen! Tatsächlich mag ich es sehr, wenn mich ein Text zwingt, noch mal seinen Anfang zu lesen.

Die Illustration von Thomas Franke passt für mich perfekt zur Story, ich assoziiere hier eine Abbildung aus einem alten, wissenschaftlichen Lehrbuch.

Sehen von Moritz Greenman

Wieder eine Familiengeschichte im häuslichen Setting (wie auch bei den ersten beiden Storys)? Dieses Mal aus der Perspektive des geschiedenen Familienvaters, der seine Tochter zum Besuch eines Alien Artefakts überzeugen möchte. Eigentlich ein gutes Erzähltempo und eine interessante Handlung. Die Vorstellung von »gut« und »guter Mensch« erscheint mir jedoch zu einfach. An einer Stelle sagt der Vater (ohne Witz und Ironie): »Ich musste alles dafür geben. Naomi (die Tochter) gut erziehen, ihr die Welt gut erklären, sie zu einem guten Menschen machen.« Das klingt für mich naiv und eher rückständig als zukünftig. Kinder erklären heute ihren Eltern die Welt :) Greta Thunberg, Klimawandel ...

Die Illustration von Mario Franke überzeugt mich technisch wieder sehr!

Minerva von Angelika Brox und Yvonne Tunnat

Noch eine Familiengeschichte. Hier erzählt die Familien-KI, was mich gleich begeistert. Denn die KI erzählt ziemlich gut! Sie kann einerseits Fakten und Daten wie ein Computer nennen. Andererseits zeigt sie eine gewisse Fürsorge für die Familie, besonders für die Tochter. Anfangs finde ich die Story etwas unheimlich. Denn die Tochter hat mehrere Unfälle und die Mutter spricht ihr eigenes Kind mit falschem Namen an. Zwischendurch frage ich mich, was die KI zu ihren Recherchen motiviert: einfach nur Wissensdurst? Und darf sie Gesundheitsdaten einfach so aufrufen?

Aber eigentlich ist es mir egal, denn ich will jetzt selbst wissen, was da los ist in dieser Familie. Die Story ist spannend und gut geschrieben und glänzt mit einem wirklich guten Ende. Das Ende macht deutlich, dass sich die beiden Autorinnen Gedanken zum Thema gemacht haben. Ganz zum Schluss schaffen sie es sogar das Thema Einzigartigkeit elegant auch auf KIs zu übertragen.

Die Illustrationen von Jaana Redflower sind technisch sehr interessant, verraten nichts und könnten auch in einem hochwertigen Bilderbuch erscheinen, was wiederum gut zum Setting der Story passt.

Die Nachrichtenmacher von Uwe Hermann

Auch diese Story beginnt im häuslichen Setting: die gesamte Familie ‒ Vater eingeschlossen ‒ erfährt vom zukünftigen Tod des Familienvaters. Ein ungewöhnlicher Story-Einstieg, der obendrein sehr gut und sehr lustig geschrieben ist! Schon bald, fiebere ich mit: Kann der Vater seinen angekündigten Tod verhindern? Und wenn ja, wie? Die Story überzeugt durch ihr gutes Tempo und ihre sympathischen Figuren. Das Ende ist rund. Die Illustration von Oliver Engelhard sticht hervor durch irre fast schon psychedelische Farben, fast ein bisschen schrill im Vergleich zur Story.

Typ 4 von Nicole Hobusch

Als letzte Story im Heft ganz passend: eine Endzeit Story! Wir befinden uns in einem Supermarkt, den die Protagonistin gerade plündert. Die Story ist gutgeschrieben und ich bin sofort mittendrin in der Roboter-Apokalypse. Besonders interessant finde ich den plötzlichen Perspektivwechsel gegen Ende. Ganz kurz ist für mich nicht mehr so klar, wer die Guten und wer die Bösen sind ‒ ist das gewollt? Das infrage zu stellen, finde ich spannend! Die Illustration von David Staege überzeugt durch viele kleine Details ‒ sehr schön!

Science-Fiction und das Ende der Aufklärung von Peter Schattschneider

Ganz zum Schluss noch ein Essay über das Ende. Essays lese ich gern, daher freue ich mich, so etwas neben Storys ebenfalls in der Exodus lesen zu dürfen! Den Argumenten des Essays stimme ich eher nicht zu. Gibt es wirklich so viel Fantasy, wie der Autor feststellt? 

Es stimmt zwar, dass die Scifi-Ecke im Buchladen  immer kleiner wird. Dafür dringen die Themen und Tropen der Scifi jedoch mehr und mehr in die Gegenwartsliteratur ein. Denn frühere Scifi-Themen wie künstliche Intelligenz und Algorithmen prägen bereits unsere Gegenwart!  Wie ich in dem Essay Zukunft jagt Gegenwart (im Phantastisch! Magazin 4/2020) argumentiere, bin ich eher der Meinung, dass Science Fiction das wichtigste Genre überhaupt wird, auch wenn es dadurch paradoxerweise unsichtbarer wird.

Auch glaube ich nicht, wie Schattschneider in seinem Essay vorschlägt, dass mehr Fantasy automatisch mehr Irrationalität und Verschwörungstheorien bedeutet. Oder dass Scifi umgekehrt automatisch davor schützt. Logik und Rationalität sind für einen Weltenbau unablässig, egal ob das am Ende in die Fantasy oder Scifi Schublade wandert.

Ich glaube sogar, dass Genre-Texte (Fantasy und Scifi) immer anspruchsvoller werden ‒ wie auch die Lesenden! Realismus ist gefragt. Und der entsteht auch in der Fantasy durch Details und durch Logik. Hier denke ich an die mehrfach preisgekrönte N.K. Jemisin, die eindrücklich zeigt, dass Logik, Realismus und Fantasy sich keinesfalls gegenseitig ausschließen.

Fazit: 

wieder ein unschlagbares Heft, das vom Herausgeberteam sehr weise konzipiert wurde, ausgestattet mit vielen guten Storys und Illustrationen. Dazu eine atemberaubende Galerie sowie einem Essay, der mich zum Nachdenken anregt.

Gerade häusliche Themen wie die Familie scheinen dieses Mal in vielen Storys präsent zu sein und ich bin beeindruckt aus vielen Perspektiven das Thema beleuchtet wird! 

Dank der Werbung zu Soylent Green, weiß ich jetzt auch, was Familien in der Zukunft essen...

Guten Appetit :)


Live Lesung bei Youtube & Second Life am 15.01!


Frauen in der Science-Fiction!

Hamburg, 15.10.2021

Bericht von der Veranstaltung Hinterm Mond am 09.10.2021 in Leer (Ostfriesland)


Bereits letztes Jahr ist mir die Veranstaltung Hinterm Mond ins Auge gesprungen. Als sie wegen der Pandemie ins Jahr 2021 verschoben wurde, war mir klar, da gehe ich hin. Ein tolles Thema und eine gute Gelegenheit Menschen offline zu treffen, mit denen ich sonst nur online zu tun habe.

Mit Yvonne Tunnat hat sogar ein Mittagessen geklappt. Yvonne hat mich einst über diese Webseite kontaktiert, so sind wir ins Gespräch gekommen - ein Gespräch, das bis heute anhält :) Allein dafür hat sich die Reise nach Ostfriesland schon gelohnt. Bei einem gemütlichen Mittagessen konnten wir uns endlich mal offline kennenlernen und danach gemeinsam zum Event schlendern.

Hinterm Mond begann mit einer kurzen Begrüßung durch Norbert Fiks, dem Mann, der diese Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen hat, und dem auffiel, dass auf seiner Bühne nur Männer stehen, was ihn auf die Idee brachte, mal gezielt Frauen einzuladen. Zum Thema Frauen in der Science-Fiction lud er die Autorinnen Regine Bott, Theresa Hannig, Jacqueline Montemurri und Madeleine Puljic ein.

Die Begrüßung war der erste bewegende Moment. Norbert war sichtbar beeindruck von dem gut besetzten Kulturspeicher und einem Publikum, das mit jeder Veranstaltung etwas mehr wird.

Anschließend führte die Autorin Theresa Hannig in das Thema der Veranstaltung ein. Mit Hilfe von Zahlen und Fakten belegte sie, dass es Autorinnen in der Science-Fiction an Sichtbarkeit fehlt. Frauen werden weniger gelesen, weniger rezensiert und weniger für Preise nominiert. Ein Kreislauf, bei dem sich die einzelnen Punkte gegenseitig noch verstärken. Die Tatsache, dass Männer lieber zu Büchern von Männern greifen, Frauen dagegen sowohl als auch lesen - hat einige geschockt, ist jedoch kein neuer Fakt und in der Branche längst bekannt ‒ was später auch von der Autorin Madeleine Puljic bestätigt wurde, die angab, selbst schon vom Verlag gebeten worden zu sein, ihren weiblichen Vornamen zu verbergen, damit potenzielle Käufer nicht gleich darauf kommen, dass das Buch von einer Frau stammt.

Theresa zeigte, was gegen die Unsichtbarkeit der Autorinnen getan werden kann: zuerst die eigenen Lesegewohnheiten reflektieren, dann bewusst auch mal nach Büchern von Frauen greifen (in gewisser Weise hat der Veranstalter genau das gemacht: die eigene Gewohnheit nur Männer einzuladen kritisch hinterfragt und dann gezielt Frauen eingeladen).

In der transnationalen Netzöffentlichkeit ist die Unsichtbarkeit bestimmter Gruppen seit längerem ein Thema. Im Buchbereich läuft das unter diverser lesen. Dabei geht es aber längst nicht mehr nur um Bücher von Frauen, sondern auch um Bücher von PoCs, queeren Personen, Menschen mit Migrationshintergrund usw. Theresa beschränkte sich bei ihrem Vortrag auf Frauen, dem Thema der Veranstaltung.

Nach der ersten Hürde der Selbstreflektion kommt jedoch gleich die nächste: Wie finde ich überhaupt Bücher von Frauen?

Hier zeigte Theresa sehr deutlich, dass das gar nicht so einfach ist. Wer "Autorinnen" googelt wird von Google automatisch auf deutsche Autorinnen eingeschränkt. Obendrein reduzieren sich die Suchergebnisse, weil einige Frauen in der Rubrik "Autoren" verschwinden - wortwörtlich unsichtbar werden.

Um die Sichtbarkeit von Autorinnen zu erhöhen, hat Theresa vor ein paar Jahren trotz heftigen Gegenwindes eine Liste für Science-Fiction Autorinnen auf Wikipedia erstellt - die mehrmals gelöscht wurde, heute aber einsehbar ist.

Die Liste habe ich selbst schon oft benutzt und bin Theresa und allen anderen engagierten Personen sehr dankbar dafür. Trotz der Liste passiert es jedoch immer wieder, dass ich von einer Frau eine Kurzgeschichte lese, die mir gefällt und mich gern bei der Autorin melden möchte, sie aber sonst nirgendwo zu existieren scheint.

Wenn ich in aktuelle deutsche Anthologien und Magazine schaue, finde ich viele gute Texte von Autorinnen. Auch in der Anthologie "Am Anfang war das Bild" (beim Hirnkost Verlag), die ich zusammen mit den beiden Künstlern Uli Bendick und Mario Franke herausgebe, sind etwa zur Hälfte Frauen vertreten. Denn Frauen schreiben gute Fiction und reichen auch regelmäßig bei Ausschreibungen ein. Bei unserer öffentlichen Ausschreibung zu "Am Anfang war das Bild" stammten fast die Hälfte aller eingesandten Texte von Frauen. 

Auch im letzten Exodus Magazin wurden etwa die Hälfte der Kurzgeschichten von Frauen geschrieben. Im Netz sind Autorinnen aber immer noch schwer zu finden. Dabei kontaktiere ich gern Menschen, von denen ich etwas gelesen habe, was mir gefällt. Erst gestern habe ich einem Autor aus Indonesien gemailt, der glücklicherweise unter seiner veröffentlichten Story eine Mailadresse angegeben hat.

Nach dem der Rahmen der Veranstaltung durch Theresa gesetzt worden war, folgten die Lesungen der geladenen Autorinnen. Die anschließenden Fragen aus dem Publikum zeigten deutlich, dass das Thema Unsichtbarkeit von Autorinnen für manche noch neu zu sein scheint. Alle vier Autorinnen lasen aus ihren aktuellen Romanen. Nach der Hälfte gab es eine Pause, die zu kurz war, um mit allen ins Gespräch zu kommen.

Alle vier Frauen haben mich durch ihre sehr unterschiedlichen Erzählstimmen, Erzählweisen und Themen beeindruckt. Eine live-Performance, ob es nun Theater oder Musikkonzert oder eben die literarische Lesung ist, besitzt für mich etwas ganz Besonderes. Gerade in Zeiten einer Pandemie, bei der live-Acts selten zu erleben sind, habe ich das sehr genossen.

Madeleine Puljic hat mich durch ihren technischen Realismus überzeugt. Jacqueline Montemurri durch ihre eigenwillige Hauptfigur. Regine Bott durch ein Kaleidoskop von quirky characters und filmischer Erzählweise. Theresa Hannig überzeugte mit einer Lese-Performance, die so leidenschaftlich und plastisch war, dass dies der zweite bewegende Moment der Veranstaltung war. Selten habe ich jemanden so eindrücklich lesen gehört. Das hat mich aus allen Zeitbahnen geworfen, so dass ich losstürmen musste, um meinen Zug noch zu erwischen.

Jetzt freue ich mich auf die nächste "Hinterm Mond", die es hoffentlich bald wieder geben wird!

:))


Perspektivwechsel

sitting by the canal for lunch
i take this photo
& realise why
i love reading & writing
firstperson narratives:
like water reflecting the world
a first person narrator
has the superpower
to distort the familiar
transforming the everyday
sometimes even
into a painting
by monet


mittagessen am alsterkanal
ein foto schießen & erkennen,
was ich an ich-Erzähler:innen so liebe:
wie wasser reflektieren sie die welt
besitzen die superkraft
das vertraute zu hinterfragen,
das alltägliche zu verwandeln
manchmal sogar in ein gemälde
von monet

Fortsetzung folgt...

"Tief in der Nacht wachte Rain mit diesem neuen Gefühl auf. Einer Art Vogelzwitschern im Bauch ‒ das, was sich Rain unter Vogelzwitschern vorstellte. Etwas war mit ihr passiert. Ein breites Lächeln zerteilte ihr Gesicht in zwei Hälften. Eine neue Energie durchpulste wie Sprudelwasser ihre Adern. Bilder zuckten durch ihr Gehirn. Spielsequenzen. Avatare, wie sie aufeinander lauerten, zielten, trafen. Und Rain begriff, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich glücklich war! Und jetzt, wo sie vom Glück gekostet hatte, würde sie nie wieder dieselbe sein."
Ein Textschnipsel aus einer neuen scifi Novelle, die als Fortsetzung zu "Wir werden andere sein" (in "2021 Collection of Space Novellas" bei modernphantastik) gelesen werden kann.
Irgendwie seltsam-schön, beim Schreiben, statt einer neuen Welt ein wohlbekanntes Zuhause aufzusuchen.
Am meisten hatte ich Angst davor, den Ton und die Charaktere nicht genau zu treffen.

Nachdenken über Novellen...

☆Novellen erinnern mich daran, kein Wort zu verschwenden.
☆erlauben intensives Lesen (und Schreiben?) am Stück
☆ will ich beim Schreiben etwas Neues ausprobieren, lässt mich die Novelle schneller sehen, ob es funktioniert (so zumindest der Plan :)
Hier drei, die ich sehr gern mag, vielleicht kennt ihr sie bereits:
☆Ursula LeGuin "Verlorene Paradiese" lässt mich körperlich spüren, was es bedeutet, ein ganzes Leben auf einem Mehrgenerationenraumschiff verbracht zu haben: durchdacht, präzise, poetisch.
☆Don Delillo "Die Stille"
vemittelt den unmittelbaren Schock einer globalen Medienstille durch ungewöhnlich eingesetzte Monologe.
☆Becky Chambers "to be taught if fortunate": die einzigartige Stimme der Ich-Erzählerin transportiert zugleich das Staunen und die Utopie einer Weltraummission.

streetart hits by aiki mira

streetart hits
while cruising
concrete
surfing on
asphalt
turning a wall
into a horizon
a city
into a palace
for everyone
open-air
& free
like our heart
wants to be
an utopia
- hope yeah!
as we look we see
and see and see
an ever-expanding
art gallery

streetart by neal_hamburg

Zurück aus dem Urlaub

 wartet im Briefkasten eine phantastisch! (e) Überraschung auf mich.
Freue mich riesig im aktuellen Heft mit einer scifistory dabei zu sein.
TOTALWALD beginnt folgendermaßen:
"Benjamin zurrt den Riemen seines Rucksacks fest und wiederholt im Kopf die Sicherheitsregel: Nicht vom Weg abkommen."
Na, ihr könnt euch denken, dass Benjamin vom Weg abkommt, was dann passiert - das erfahrt ihr nicht hier ;)
Noch vor dem Kofferauspacken habe ich ein bisschen im Heft geschmökert:
Mein persönliches Highlight ist bisher der Werkstattbericht von Michael Tinnefeld zum Entstehungsprozess der Anthologie Diagnose F, die er zusammen mit Uli Bendick herausgegeben hat - unterhaltsam geschrieben vermittelt der Bericht das Auf und Ab eines solchen Projekts. Ich konnte mich da gut wiederfinden (arbeite mit Uli Bendick und Mario Franke selbst gerade an einer Anthologie).
Das Portrait der Comiczeichnerin und Illustratorin Tillie Walden von Christian Endres ist ebenfalls sehr lesenswert - schön zu sehen, dass die Ausnahmekünstlerin auch in Deutschland Aufmerksamkeit bekommt.
Besonders gefreut hat mich die Ankündigung des Herausgebers Klaus Bollhöfener, dass ab sofort Matita Leng mit in die Schlussredaktion eingebunden wird.
Matita wird alle Beiträge vor Veröffentlichung auf diskriminierende Inhalte prüfen.
Das ist nicht nur eine zeitgemäße Neuerung, sondern vorbildhaft für die gesamte deutsche Science Fiction
- einfach phantastisch! :))

Story Playlist

Manchmal frage ich mich, welche Musik der perfekte Soundtrack für ein Buch oder eine Story sein könnte.
Geht es euch auch so?
Auf eine einsame Insel würde ich auf jeden Fall gaaanz viel Musik mitnehmen :)) 

the social media game

//she ruled the rulz
he aced the game
//she liked the likes
he showered in hearts
//she hyped the stars
he faked accounts
//she fed the fans
he turnt the trolls
//she dreamt the future
he quit the past
//she twisted the trauma
he sold the thrills
//she broke the world
he refreshed the page
//she looks at him
he comments on her
//Until time
unfollows them
// they play
the social media game
- aiki mira
hamburg 04/07/2021

Malen ist wie meditieren

mit Farbe und Pinsel im Hier und Jetzt zu sein, sich bloß auf das Tun zu konzentrieren. Und am Ende hat man ein Bild, in dem der gesamte Prozess mit all seinen Fehlern und Sackgassen festgehalten ist. Und sobald das Bild vor mir liegt, sind auch die Schreibbatterien wieder aufgeladen :)) Bleistift & Aquarell zeichnung

Queer Scifi

Mein Beitrag für let's write queer* von gegenwartsliteratur - wie ich finde ein toller Aufruf!
Und ja, manchmal schreibe ich noch mit der Hand...ganz schön anstrengend... als Linkshänder...ächz..bin aus der Übung :)) 

Neonvogel

Das Bild "Neonvogel" stammt von dem Grafiker Mario Franke (mehr Bilder von ihm unter: www.künstlichkeit.de).
Das ist eins der Bilder, die sich Autor:innen aus einem Online-Ordner aussuchen konnten, um dazu eine Story zu schreiben.
Insgesamt bekamen Mario Franke, Uli Bendick und ich 93 Zusendungen und über 1.000 Seiten, aus denen wir Storys für unsere Scifi-Anthologie "Am Anfang war das Bild" auswählen durften.

Zurück aus der Zukunft 

Rezension zu Exodus 42 (03/2021) von Aiki Mira

Das erste, was auffällt, ist das über Vorder- und Rückseite laufende Coverbild. Ein Kunstwerk von Simon Lejeune, zu dem es im Heft ein Special gibt. Lejeunes siamesische Zwillinge kommen doppelseitig gut zur Geltung, auch weil der Heftumschlag sonst clean gehalten ist, also ohne Werbung oder Ankündigungen.

Die zwischen den Storys eingeblendete Lyrik hat der Spamfilter in meinem Hirn auf Grund von Größe und Platzierung fälschlicherweise als Werbung eingeordnet und automatisch ausgeblendet. Die echte Werbung ist teilweise so gut gestaltet wie eine Magazin-Seite, und weil es da meist um SF geht, habe ich sie mir gern angeschaut. Die Lyrik habe ich später nachgeholt, finde sie als Zwischenspiel zu den Geschichten sehr gelungen und angenehm zu lesen.

In der ersten Geschichte "Nachtschicht" von Thomas Kolbe möchte der Ich-Erzähler, eigentlich auf "verschiedenen Erdteilen herumreisen, Leute andere Länder kennenlernen", stattdessen landet er als Notfallmediziner auf einer diplomatischen Raumstation und muss sich an den "Anblick fremdartiger Lebensformen" erst gewöhnen. Während seiner Nachtschicht ist er gezwungen, auch solche "Fremdwesen" zu behandeln. Die starre Trennung zwischen Mensch und Außerirdischem erinnert an die Ängste der frühen SF. Hier fehlt es mir an Neugier oder gar Faszination das Gegenüber kennenlernen zu wollen. Bis zum Schluss bleiben Aliens "exotisch". Die dazugehörige Illustration von Oliver Engelhard fängt das gut ein: Der Protagonist steckt, wie aus der Zeit gefallen, in einem ritterüstungsähnlichem Raumanzug, die Alien-Wesen leuchten dagegen in psychedelischen Farben.

In seiner Fixierung auf Kaffee ist mir der Protagonist extrem sympathisch. Ich mache mir nur Sorgen, dass er dadurch von seinem Job abgelenkt wird!

"Wenn ich Pech habe und es nicht funktioniert, sind sie gar, und ich habe eine Anklage wegen Massenmords am Hals." (S.10)

Fazit: Optimale Länge, unterhaltsam, guter Einstieg ins Heft.

(So jetzt erstmal eine Tasse Kaffee und dann weiterlesen...)


"Am Ende - Eden" von Maria Orlovskaya wirft mich ins Geschehen, ohne lang und breit die Welt zu erklären - das gefällt mir! Ich finde mich in einer Welt wieder, die mit "Zofen" und "Prinzessinnen" ziemlich altmodisch daher kommt. Sobald das Wort "Wache" fällt, klingeln bei mir die Margaret-Atwood-Dystopie-Alarmglocken. Es tauchen noch andere Hinweise auf, die andeuten, mit dieser Welt stimmt etwas nicht. Also, wann komm der SF-Moment? Die Autorin hat jedenfalls Spaß daran alle weiblichen Personen mit wohlklingenden Namen zu beglücken: Nastea, Asya, Maya, Lia, Kinga, Saera... Und ich warte immer noch auf den SF-Moment... Gut, es werden "Sturm-Krieger" und Styx erwähnt, zählt das schon als SF? Die einzige "Technologie" dieser Welt erinnert an die Periduralanästhesie, die in Deutschland tagtäglich eingesetzt wird, um Schwangere durch eine Spritze in die Wirbelsäule zu betäuben, damit sie vom Schmerz der Geburt weniger mitbekommen. Bei Atwood hat die feministische Dystopie so gut funktioniert, weil sich die Magd noch an unsere moderne Gegenwart erinnern konnte. Dieser Kontrast zwischen Vorher/Nachher fehlt mir in der Story (das Vorher ist dort nicht viel besser als das Nachher).

Die Illustration von Uli Bendick finde ich sehr gelungen. Mit Hilfe der Collage erzeugt das Bild eine Spannung zwischen Moderne und altmodischer Palastüppigkeit. Diese Spannung wird in der Story nur am Wort "Latex" angedeutet. Das Ende begeistert mich. Der letzte Absatz ist nahezu perfekt und meine Lieblingsstelle! Eine andere Lieblingsstelle:

"Du suchst dir immer aus, in welcher Position ich einschlafe. Oder aufwache." (S.16)

Fazit: Insgesamt gelungene Story, bei der mir das Ende besonders gut gefällt!


Die Story "Schwarmverhalten" von Olaf Lahayne nimmt schnell Geschwindigkeit auf. Ort des Geschehens ist ein Café, das von Mecha-Bienen heimgesucht wird. Ein so genannte "Sauberfrau" entpuppt sich als einziger Mensch mit Fachkenntnis. Diese Fachfrau ist obendrein körperlich so stark, dass sie eine Granitplatte aus ihrer Verankerung reißen und durch die Luft schleudern kann - sehr gut, gefällt mir! Die farbenfrohe Illustration von David Staege passt exzellent, weil sie genau wie die Story weniger auf düsteren Horror und mehr auf Humor und Leichtigkeit setzt.

Kurt, der Anzugträger, wirkt zwischendurch wie ein Mary-Sue-Charakter, der zufällig immer alles weiß, weil er es "irgendwo" gelesen hat. Da finde ich die Fachfrau aka Kraftprotz aka my personal hero sympathischer. Seltsam nur, dass die junge Frau altertümliche Worte wie "Beelzebub" benutzt. Der allwissende Anzugträger Kurt dagegen "Urban Legend" und "Fight" sagt. Soll er dadurch coolinisiert werden?

Am Ende gibt es noch einen Twist. Der wird leider durch einen eher künstlich wirkenden Dialog erklärt. Das hätte durch subtil eingestreute Hinweise eleganter gelöst werden können. Trotzdem gefällt mir die Story insgesamt sehr gut! Seit längerem beschleicht mich der Verdacht, dass ich eine Schwäche für SF habe, sobald sie von Österreicher:innen geschrieben wird. Wahrscheinlich weil ich diesen Sound, diese sprachliche Casuality so gern mag.

"Zehn Sekunden!", schreit darauf der Besitzer in die Runde. "Wer dann nicht draußen ist...Meine Versicherung zahlt nicht! Los, Fritz!" (S.20)

Fazit: Temporeiche, amüsante, vornehmlich durch Handlung und Dialoge erzählte Story


"Notizen zur Beobachtung von Schildkröten nach einer Bruchlandung" von Lisa Jenny Krieg wird, wie der Titel andeutet, durch Tagebucheinträge erzählt. Das gelingt auf eine sehr angenehme und atmosphärische Weise, die ohne Info-Dumping auskommt und mich, ohne dass ich es merke, mehr und mehr in die Geschichte hinzieht. Wie zwei unterschiedliche Spezies miteinander in Beziehung treten, wird anhand einer sich subtil aufbauenden Spannung vermittelt. Die Ich-Erzählerin beobachtet die Schildkröten mit ehrlichem Interesse, macht keine exotischen Fremden aus ihnen, sondern Lebewesen, von denen sie lernen kann, z.B. welche Nahrung sie essen kann oder wo sie Wasser findet. Zugleich schleicht sich beim Lesen das Gefühl ein, dass die Schildkröten die Ich-Erzählerin mit ähnlichem Interesse beäugen. Hier findet also ein anderer Umgang mit dem vermeintlich Fremden statt - zumindest zu Beginn, später scheint sich das zu ändern und das erhöht wiederum die Spannung. Das Ende empfand ich als unbefriedigend, zugleich aber auch als nachdenklich stimmend.

Die Illustration von Mario Franke fängt mit ihren fein aufeinander abgestimmten Farben sehr gut das Atmosphärische und Unaufgeregte dieser Story ein und wirkt dadurch so stark wie ein gut komponiertes Gemälde.

"Mein Uterus windet sich, Krämpfe schütteln mich. Ich sitze an einem schattigen Ort in einiger Entfernung meines Lagers und blute in den Sand. Was soll ich sonst tun? Die Schildkröten stören sich nicht an mir." (S.30)

Fazit: Einer meiner persönlichen Favoriten. Gelungene Story, atmosphärisch erzählt, ein slow-burner, der lange nachklingt.


Der Text "Die Numerophilen" von Hans Jürgen Kugler setzt die Alien-Brille auf und betrachtet auf unterhaltsame Weise die menschliche Vorliebe für Zahlen. Beim Lesen fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich bin eigentlich ein Alien und muss ganz schnell von der Erde gerettet werden! Und wenn das klappt, muss es mir nie mehr peinlich sein, die eigene Telefonnummer nachschlagen zu müssen. Andererseits: was wären wir gerade jetzt ohne unsere Zahlen? Während einer Pandemie modellieren sie die Zukunft und ermöglichen uns das Handeln, in einer Zeit, in der oft nur auf Sicht gefahren werden kann...

"Ewige Seeanemonen" von Maike Braun spielt im Meer und an Land und erzählt uns von den dort lebenden Wesen. Bei der Meeresbewohnerin Octavia denke ich natürlich sofort an Octavia E. Butler, als dann aber Oriano und Onellio auftauchen wird schnell klar: in dieser Story haben alle Oktopus-artigen Wesen einen Namen mit dem Anfangsbuchstabe O. Das macht für mich keinen Sinn und spült gegen meinen Willen Assoziationen von möglichen Kinderbuchheld:innen in mein Hirn: Otto Oktopus, Gloria Goldfisch...

Wie Oriano, Octavia und Onellio ihr Essen unter Wasser im "Kochtopf" zubereiten, bleibt mir schleierhaft. Ebenso: wie sie ihre Cremetiegel unter Wasser in Regalen abstellen (?).

Die Illustration von Oliver Engelhard spielgelt gut die Fantasy-Vibes wieder, die ich von dieser Story empfange.

Spannung ergibt sich in der Erzählung daraus, dass zwei zunächst unabhängige Welten geschildert werden, die wohl früher oder später aufeinander stoßen werden. Die menschlichen Landbewohner sind technologisch und gesellschaftlich eher rückständig. Mädchen steuern hier direkt auf die (arrangierte?) Heirat zu, dürfen vorher aber noch à la Katniss mit Pfeil und Bogen herumlaufen. Das Ende hat mir gut gefallen, ebenso gefallen hat mir, dass die Story ohne Info-Dumping auskommt und einen angenehmen Rhythmus zwischen erzählendem Text und Dialogen findet. Die Spannung wird eher niedrig gehalten.

"Oriano erntete gerade Seegurken, als er Octavias Aufregung roch." S.36

Fazit: Gut erzählte Story zweier unterschiedlicher Welten, bei der mich die Beschreibung der Meeresbewohner:innen nicht ganz so überzeugt hat.


In "Alte Schule" von Christian Endres sitze ich im Kopf eines älteren Herrn, das empfinde ich zunächst als angenehme Abwechslung. Leider handelt es sich hier, um einen besonders konservativen und ich-zentrierten Menschen. Die Welt, in der dieser selbst deklarierte "Anachronismus" lebt, ist selbst ein Anachronismus: technologisch fortschrittlich, dafür gesellschaftlich rückständig. Denn hier sind offenbar immer noch Frauen dazu da, sich um die Kinder zu kümmern. Insgesamt werden drei Frauen erwähnt: eine Mutter, eine Studentin und eine Tiger-Leggings tragende Dame, die, zum Schock des Herrn, über das Telefon öffentlich über Sex redet (Mit "Let´s talk about sex baby" richtete sich Popmusik bereits 1991 gegen die Zensur des Themas, mir ist daher unklar, in welche Zeit dieser Herr lebt und nach welcher Zeit er sich zurücksehnt). Im Gegensatz zu den eher berufslosen Frauen, treten Männer hier als Geschäftsmänner, Koch, Gangster oder Millionär auf. Der ältere Herr geht davon aus, dass jed:er, sich über ihn Gedanken macht, als wäre er der Nabel der Welt. Genauso ich-bezogen betrachtet er auch die Tatsache, dass es keine Elefanten mehr im Zoo gibt, sondern nur noch Hologramme. Echt gemein diese moderne Welt! Dass es Elefanten im Zoo vielleicht nie gefallen hat, kommt der Story nicht in den Sinn. Und dann muss dieser arme Mann sich auch noch vegane Wurst in den Mund schaufeln sogenannte "Vurst". Sich selbst versteht er dabei ohne Ironie (!) als "alten Tierfreund".

Die Illustration von Jan Hoffmann passt perfekt, weil sie den älteren Herrn als isoliert von anderen Menschen darstellt, was dessen Isolation von der Moderne und der Menschheit an sich ganz gut versinnbildlicht.

Über Menschen, die für einen "Hungerlohn" nach "falscher Anerkennung" "schürfen" kann der alte Herr nur den Kopf schütteln. Dass es Menschen gibt, die schuften müssen, um zu überleben oder für andere zu sorgen, wird nicht verhandelt. "Bleib offline, bleib unsichtbar" wird in der Story dann auch als die große menschliche Tat der Moderne vorgeschlagen, ist aber letztendlich ein Privileg, denn die arbeitende Klasse kann sich diesen Luxus nicht leisten, sie müssen arbeiten um zu existieren. Menschen wie der ältere Mann arbeiten nur, um zu vererben.

"bleib offline, bleib unsichtbar" (S.46) 

Fazit: Etwas einseitig erzählte, aber trotzdem kurzweilige Story mit guter Pointe


Als nächstes kommt das Special zu Simon Lejeune. Beim Anschauen der Bilder bekomme ich Lust mal wieder einen Graphik Novel zu lesen. In den Kunstwerken lassen sich viele Details entdecken. Bei den heutigen Möglichkeiten noch mit Tinte und Wasserfarben zu malen ist eine Leistung an sich, und wenn ich mir anschaue, was bei Lejeune dabei herauskommt, bin ich verdammt beeindruckt.

"Tatjanas Entscheidung" von Nicole Rensmann ist eine interaktive Geschichte zum Thema Gaming. Nostalgie steigt in mir auf, denn interaktiven Geschichten habe ich in der Grundschule für meine Geschwister geschrieben. Das Thema Gaming interessiert mich auch. Ich hänge mich in Tatjanas Befreiung rein, gehe durch alle Türen, aber ich fiebere nicht so richtig mit. Denn gefühlt steht nicht wirklich etwas auf dem Spiel. Die Story hat für meinen Geschmack zu viel erzählt und zu wenig erleben lassen.

"Alles war fehlerabfällig. Auch sie selbst." (S.69)

Fazit: Eine nette Idee, nur bei mir ist der Funke nicht übergesprungen


In "Flucht vor der Schwere" von Christian J. Meier ist die Protagonistin ein junges Mädchen namens Melinda. Wie die Mädchen in den vorherigen Stories (Anasthasia und Lucille), besitzt Melinda a) einen wohlklingenden Prinzessinnenamen, wird uns b) als sex- und/oder heiratsfähig vorgestellt und kommt c) aus einer technologiearmen, gesellschaftlich rückständigen Welt.

Da Melinda äußerst wissbegierig ist, wird sie zu unserem Personal Guide. Wir folgen ihr durch eine Welt, die von einer geheimnisvollen Schwere heimgesucht wird. In dieser Welt haben sich Männer mal wieder alle Berufe unter den Nagel gerissen: Sie sind Bauern, Wachen, Ingenieure, Doktoren und Kapitäne. Um wortwörtlich "nach oben" zu kommen, setzt Melinda ihre körperliche Attraktivität ein. Seit Pippi Langstrumpf und spätestens seit der Welle an YA Dystopien wissen wir, dass Mädchen in Geschichten auch andere Wege finden könnten, um handlungsfähig zu werden...

Beim Lesen bekomme ich manchmal das Gefühl, ich bin in einer langwierigen Erklärung gefangen, bei der mir jemand immer wieder schildert, wie Schwerkraft funktioniert. Die Illustration von Stas Rosin hat eine gute Lösung gefunden, um dieses Gefühl darzustellen.

"Dieser Mann wird jetzt eben zu Dünger!" (S.77)

Fazit: Eine eher langsam erzählte Geschichte, bei der der Dialog mit der KI mein persönliches Highlight bleibt.


"Alles eine Frage der Einstellung" von Gabriele Behrend erzählt davon, wie Androiden in Abwesenheit ihrer menschlichen Familie viben, einfach mal unbeschwert miteinander abhängen. Die Illustrationen ebenfalls von Gabriele Behrend erinnern mich an Barbies in schwarzweiß und passen gut zu dem Spiel zwischen Spaß und Ernst. Was mich nämlich anfangs an feiernde Teenies ohne Eltern erinnert, wird im Lauf der Story zur existentiellen Suche nach Lebenssinn und Emanzipation. In dieser Story treffen wir auch den ersten queeren Menschen. Die Story wird immer tiefschichtiger und unterhaltsamer und mündet schließlich in einem perfekten Ende!

"Er musste sogar feststellen, dass er die Nähe ganz angenehm fand. Er befand sich also wohl doch noch im postkoitalen Ruhemodus." (S.89)

Fazit: Sehr unterhaltsame Story mit äußerst befriedigendem Ende!


In "Blinde Könige" von Moritz Greenman gibt es wieder nur Männer mit Berufen, die auch noch zufällig alle neuen Technologien erfunden haben. Frauen sind ihr entweder die kranke Ehefrau oder die Jugendliebe mit dem tollen Hintern. Und wieder eine Geschichte, in der Technologie dem Mensch eher schadet. Die Story schmilzt das Ganze auf einen Ego-Kampf zwischen zwei Männern zusammen, die beide nicht davor zurückschrecken Kontinente und Länder zu zerbomben, um sich gegenseitig zur Strecke zu bringen, dass dort vielleicht noch andere Menschen leben, findet in der Story keine große Beachtung. Auch den beiden Protagonisten ist es egal. Hauptsache dem anderen eins auswischen. Das führt zu ungewollt komischen Momenten. Zum Beispiel wird die totale Zerstörung, also alles "den Erdboden gleichmachen" vom Protagonisten als "steiniger Weg zurück zur Menschlichkeit" verstanden, für den er sich selbst auf die Schulter klopft. Ich möchte den Protagonisten gern mit dem technologiefeindlichen älteren Mann bekannt machen, der glaubt das Vermissen von tierischer Wurst und Zootieren bedeutet ein alter Tierfreund zu sein. Ich glaube, die beiden könnten Freunde werden.

Die Illustration von Mario Franke gefällt mir gut, weil sie auch der Zerstörung der Welt Raum gibt und die Doppelrolle des Protagonisten veranschaulicht: ein Zerstörer, der sich selbst als Opfer dramatisiert.

Das Besondere an der Story ist, dass sie das gesamte Geschehen mit Hilfe eines Dialogs erzählt. Die Stimme der KI ist dabei gut getroffen. Der Mensch wird gegen Ende pathetisch und zeigt uns, welche Sprachbilder sich aus "blind" und "König" basteln lassen. Und als Schluss gibt es noch die (erwartbare?) Pointe.

"Es ist wichtig, dass Sie sich erinnern." (S.96)

Fazit: Teils spannende Story mit gut getroffener KI, allerdings lässt die gewählte Dialogform nur wenig unterschiedliche Stimmen zu und wird gegen Ende mühselig zu lesen.


"Ein perfekter Tag" von Thomas Kolbe führt mich in eine dystopische Welt mit "marodierenden Banditen" und "mutierten Hunden".

Die Illustration von Gerd Frey führt mich ein bisschen in die Irre, denn darauf sieht die Welt wie eine leere Mondlandschaft aus.

"Ich hänge altmodischerweise an meinem Geruchsinn und meinen Lungen (S.103)

Fazit: Ein wahr gewordener Prepper-Traum.

(Moment, muss kurz checken, ob ich noch Konservendosen habe...)

Fazit

Die drei Herausgeber haben bei der Auswahl der Stories exzellente Arbeit geleistet! Heft 42 bietet eine reichhaltige und kurzweilige Zusammenstellung. Autoren und Autorinnen, sowie Erzählperspektiven und SF-Spielarten wechseln sich gegenseitig ab, was das Lesevergnügen enorm steigert und kaum Langweile aufkommen lässt. Genauso verhält es sich auf visueller Ebene: Die teilweise ganzseitigen Graphiken bereichern jede Story und sind in Stil und Ausdruck so vielfältig wie die Stories selbst. Das Special über Simon Lejeune hat mich persönlich sehr gefreut (mental note: mehr Kaffee trinken, mehr Konservendosen kaufen, mehr Graphik Novel lesen).

Alle Stories sind lesenswert und so manche Pointe überrascht oder stimmt nachdenklich. Auffallend ist die allgemeine Sehnsucht nach einer vor-technologischen, gesellschaftlich rückständigen Zeit. Treten Technologien auf, kommt ihnen meist die Rolle zu, dem Menschen schaden zu wollen. Menschen mit Migrationshintergrund treten in den Geschichten gar nicht auf (2020 besitzt jede:r vierte Deutsche einen Migrationshintergrund). Treffen Menschen und Fremde aufeinander, endet das für eine Seite meist schlecht. Auch für Frauen und Mädchen sieht es eher düster aus, ihr Handlungsspielraum bleibt in der Regel eingeschränkt. In nur einer einzigen Story kämpfen Wesen gemeinsam gegen ihre soziale und gesellschaftliche Unterdrückung.

Besonders empfehlenswerte Stories sind meiner Meinung nach:

  • "Notizen zur Beobachtung von Schildkröten nach einer Bruchlandung" von Lisa Jenny Krieg
  • "Alles eine Frage der Einstellung" von Gabriele Behrend
  • "Schwarmverhalten" von Olaf Lahayne
  • "Am Ende - Eden" von Maria Orlovskaya

Sobald ich das Heft zuschlage, finde ich mich in einer Gegenwart wieder, in der Frauen ganz selbstverständlich Länder regieren und Männer ganz selbstverständlich mit ihren Kindern in den Park gehen. 

Erst letztes Jahr hat eine Frau mit Migrationshintergrund eine neue lebensrettende Technologie entwickelt, ein Mädchen kämpft trotz Gegenwind für die Zukunft des Planeten (und wird damit zum Vorbild einer ganzen Generation) und ein blinder König wurde erst vor kurzem schlicht und einfach abgewählt (auch wenn er das in seiner Blindheit nicht wahrhaben will). 

In dieser Welt nutzen Menschen aktuelle Technologien: für die Bildung ihrer Kinder, um kollaborativ zu arbeiten, wissenschaftliche Ergebnisse zu teilen oder einfach um mit Freunden und Familie Zeit zu verbringen.

Zurück aus der Zukunft fühlt sich die gegenwärtige Welt trotz Pandemie beinahe utopisch an...

Aiki Mira
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